Alle großen Börsen-Indizes weltweit verzeichnen derzeit drastische Verluste, was Anleger in Panik versetzt. Wie richtig reagieren? Wir haben drei Kapitalmarktexperten gefragt, welche Maßnahmen Anleger jetzt ergreifen sollten.
Dr. Daniel Grabowski, TARGOBANK Investment Research
“Das Wichtigste während eines Markteinbruchs ist, nicht die Nerven zu verlieren. Aktienanlagen sind langfristige Investments. Während der Anlage werden Krisen und Crashs unweigerlich kommen und gehen – wer aber aus Angst verkauft, realisiert Verluste anstelle der langfristig möglichen positiven Renditen.
Viele Anleger haben in ihren Depots einen hohen Anteil von US-Aktien, weil sie in den letzten zehn Jahren hervorragend gelaufen sind. US-Titel gehören aber – selbst nach den jüngsten Rücksetzern – zu den teureren Aktien. Daher ist zukünftig bei Anlagen in günstigeren Segmenten wie Europa und den Emerging Markets mit einer langfristig höheren Rendite zu rechnen. Zugleich gehören die US-Unternehmen aber auch zu den profitabelsten und innovativsten, gerade mit Blick auf das Thema KI. Den US-Aktienmarkt sollte man also auch keinesfalls gänzlich abschreiben. Es lohnt sich in jedem Fall eine Überprüfung der Depots, um eine ausgewogene Portfolioaufstellung zu gewährleisten.
Gold kann im Depot einen stabilisierenden Beitrag leisten, da sich der Preis relativ unabhängig vom Aktienmarkt entwickelt. Dafür sollte Gold aber vor dem Aktienmarkteinbruch im Depot liegen und nicht mitten im Crash zu den dann oft höheren Preisen nachgekauft werden. Ohnehin ist der Goldpreis bereits auf einem hohen Niveau, weil sich Privatanleger und Notenbanken in vielen Schwellenländern seit dem Ukraine-Krieg und den westlichen Sanktionen gegen Russland mit dem Edelmetall eingedeckt haben.
Anleihen – jedenfalls Staatsanleihen mit guter Bonität – stabilisieren ein Aktienportfolio, da ihr Kurs während eines Aktiencrashs meistens ansteigt. Zudem sind ihre Renditen momentan auf einem attraktiven Niveau, dank der Zinserhöhungen der letzten 3 Jahre. Allerdings ist zu beachten, dass im Falle einer Inflation oder Stagflation die Anleihekurse parallel zu den Aktienkursen fallen können. Dies geschah etwa in den 1970er-Jahren sowie 2022. Die neuen US-Zölle und möglichen Gegenzölle anderer Länder wirken inflationär und können daher zu Leitzinserhöhungen und fallenden Anleihekursen führen.“
Jens Klatt, Marktanalyst beim führenden europäischen Onlinebroker XTB
„Was sich im ersten Moment komisch anhören mag, ist aber ganz Ernst gemeint: Ruhe bewahren, Panik vermeiden. Das, was wir gerade zu sehen bekommen, ist nackte Panik. Und in solch einem extremen Umfeld Positionen abzustoßen, besonders langfristige Investment-Positionen, ist nicht selten in der Vergangenheit eine ganz schlechte Entscheidung gewesen. Tatsächlich lässt sich zeigen, dass die Renditen für den US-amerikanischen Aktienindex S&P 500 zurückgehend bis ins Jahr 1990 für die kommenden ein bis fünf Jahre folgend auf derart panische Umfelde durchweg positiv waren – und zwar dramatisch mit mehr als 100 Prozent positiver Rendite nach fünf Jahren!
Vor allem langfristig ausgelegte Portfolios jetzt anzupassen, ist meiner Einschätzung nach zu spät. Die aktuellen Kursniveaus sind dafür vom Chance-Risiko-Verhältnis einfach zu unattraktiv. Möchte man sich von Positionen trennen, dann würde ich zunächst einen Bounce abwarten wollen und zeitgleich schauen, dass es zu einem deutlichen Rücksetzer bspw. Angstbarometer an der Wall Street, dem sogenannten VIX kommt, der mir anzeigen würde: “Die Panik ist vorüber”. Und dann könnte man sich umorientieren. Wobei ich hier auch erstmal schauen wollen würde, ob man sich mit Blick auf den aktuell darbietenden, eskalierenden Handelskrieg zwischen den USA und China, aber auch zwischen den USA und Europa hat in irgendeiner Form einigen bzw. annähern können.
Gold ist bereits in den vergangenen Monaten sehr gut gelaufen und was wir aktuell ja zu sehen bekommen ist, dass selbst das gelbe Edelmetall in einem derartigen Panikmodus unter Druck gerät. Der Grund dürfte sein, dass aktuell eine Liquidationswelle einsetzt, im übertragenen Sinne vieles zu Cash gemacht wird, um bspw. Margin Calls zu bedienen, aber auch um grundsätzlich US-Dollar vorrätig zu haben, um Verbindlichkeiten zu bedienen. Hier entsteht ein ganz natürlich hoher Bedarf an US-Dollar und Gold verliert zeitweise in einem solchen Umfeld. Aber, es ist durchaus realistisch, dass wir eine ähnliche Entwicklung wie 2020 in der Corona-Panik zu sehen bekommen: Eine FED, die die Märkte mit Liquidität bzw. US-Dollar fluten wird müssen, will man keinen völligen Systemkollaps riskieren. Und dann möchte man Gold definitiv wieder im Portfolio und vor allem denke ich auch nicht, dass es einen attraktiveren, sichereren Hafen mit einem derart attraktiven Rendite-Potenzial wie Gold geben dürfte.
Darüber hinaus zeichnen sich Anleihen in diesem Szenario als hoch attraktiv ab. Noch ist davon nichts zu sehen, aber am Terminmarkt spielt man bereits jetzt für Ende des Jahres 2025 einen Leitzins um rund 3 Prozent, was einen ganzen Prozentpunkt niedriger ist als vor rund einem Monat zur letzten FED-Leitzinsentscheidung. Solch starke Rücksetzer in Zinsen gehen Hand in Hand mit steigenden Anleihekursen, sprich: auf Anleihen, besonders aus den USA lohnt derzeit definitiv ein näherer Blick.
Krypto konnte und kann meiner Einschätzung nach auch immer noch recht solide performe und ist erst am Montag unter seine März-Tiefs gerutscht nachdem in anderen “Risk Assets” schon alle Dämme gebrochen sind. Eventuell setzt auch hier jetzt oben erwähnte Liquidationswelle ein. Aber sonst macht die solide Vorstellung von Bitcoin durchaus Sinn: Bitcoin ist nicht von Importzöllen betroffen. Und mit Aussicht auf eher frühere als spätere geldpolitischere Lockerungen seitens der FED ist auch für Bitcoin meiner Einschätzung nach ein eher bullishes Bild zu skizzieren.“
Johanna Belitz, Valour, Anbieter von börsengehandelten Krypto-Produkten
„In Zeiten wie diesen ist die wichtigste Maßnahme oft, keine zu ergreifen. Es ist entscheidend, an der eigenen Strategie festzuhalten und sich nicht von kurzfristiger Panik zu langfristigen Fehlentscheidungen verleiten zu lassen. Volatilität kann unangenehm sein, ist aber Teil des Spiels – besonders bei risikobehafteten Anlagen wie Krypto.
Man sollte herauszoomen, den größeren Kontext betrachten und sich daran erinnern, warum man ursprünglich investiert hat. Märkte bewegen sich in Zyklen, und emotionale Entscheidungen in Momenten der Angst führen häufig zu späterem Bedauern. Wenn man weiterhin von einem Asset oder einer Strategie überzeugt ist, kann es die beste Entscheidung sein, einfach Kurs zu halten. Insbesondere wenn die eigene Krypto-Strategie auf langfristiger Überzeugung basiert.
Zölle wirken sich zwar nicht direkt auf Kryptowährungen aus, könnten aber durchaus als Katalysator für diese Anlageklasse dienen. Wenn die traditionellen Märkte volatiler werden, suchen Anleger zunehmend nach unkorrelierten oder alternativen Investments wie Krypto. Das übergeordnete Narrativ, dass die USA sich als erste ‚Krypto-Nation‘ der Welt positionieren, bleibt bestehen – und das dürfte Start-ups und Tech-Unternehmen anziehen, was wiederum die Innovationslandschaft in den USA stärkt.
Allerdings bleibt Krypto eine risikobehaftete Anlageklasse, und in Zeiten erhöhter Unsicherheit und Volatilität wird alles potenziell zur Liquiditätsquelle. Aktuell folgt der Kryptomarkt offenbar den allgemeinen Märkten nach unten – ein klarer Hinweis darauf, dass selbst digitale Assets in einem echten ‚Risk-Off‘-Umfeld nicht immun sind.
Langfristig gesehen könnte der Bitcoin durchaus von einem schwächeren Dollar und steigender Inflation profitieren. Zölle treiben in der Regel die Preise für importierte Güter in die Höhe, was sich in höheren Verbraucherpreisen niederschlägt – und das wiederum befeuert die Inflation. Steigende Inflationserwartungen können das Vertrauen in Fiatwährungen wie den US-Dollar untergraben.
In einem solchen Umfeld steigt die Attraktivität von Bitcoin als dezentralem Wertspeicher. Bitcoin ist nicht nur eine Absicherung gegen Inflation, sondern auch gegen geldpolitische Fehlentscheidungen und die Entwertung von Fiatwährungen. Auch wenn kurzfristige Volatilität den Kryptomarkt mit nach unten ziehen kann, wird das langfristige makroökonomische Argument für Bitcoin in einer Welt mit schwächerem Dollar und höherer Inflation umso überzeugender.“
