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Tagesgeld: Die Talsohle ist erreicht

Gastbeitrag von Rainer Gerhard, 14.06.2018

Rainer Gerhard, CHECK24

Auch wenn die EZB vorerst beim Nullzins bleibt: Deutsche Sparer dürfen in absehbarer Zukunft wieder mit besseren Zinsen rechnen. Grund dafür ist neben einer absehbaren Zinserhöhung in Europa vor allem die Internationalisierung des Tagesgeldmarktes.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat das Ende der Nullzinspolitik ein weiteres Mal vertagt. Vorerst wird sich damit auch bei den Sparzinsen hierzulande wenig ändern. Die finden Sparer bei den allermeisten Banken hierzulande – wenn überhaupt – längst nur noch weit hinter der Kommastelle. Gar nicht aufgefallen sein dürfte den meisten daher, dass die Sparzinsen in den letzten Monaten sogar noch weiter gesunken sind: Das zeigt der von der Bundesbank erhobene Durchschnittszins auf täglich fällige Einlagen, zu denen vor allem Tagesgeld- und Girokonten zählen. Er ist seit der Absenkung des Leitzinses auf null beständig weiter zurückgegangen. Der bestmögliche Zinssatz beim Tagesgeld deutscher Banken sank von 1,25 Prozent im März 2016 auf heute 0,85 Prozent. Viel weiter abwärts wird es aber nicht mehr gehen.

Die europäische Notenbank folgt der amerikanischen Notenbank

Das liegt zum einen an der EZB selbst: Da die USA und Europa wirtschaftlich eng vernetzt sind, folgt die EZB der amerikanischen Notenbank (FED) traditionell bei der Zinsentwicklung – wenn auch mit etwas Verzögerung. Die FED hat diese Woche bereits zum siebten Mal in Folge den Leitzins nach oben geschraubt. Bis zu 2,00 Prozent soll die Federal Funds Rate von nun an betragen – nur selten lagen die Zinsen zwischen EZB und FED so weit auseinander. Macht die amerikanische Notenbank wie angekündigt mit ihren Zinsschritten weiter, dann liegen die Sätze bald so weit auseinander wie noch nie seit Bestehen der EZB. In absehbarer Zeit dürfte daher auch die EZB den Leitzins erhöhen.

Steigt der Leitzins in Europa, dann werden sich auch die Sparzinsen in Deutschland wieder erholen, allerdings ebenfalls mit etwas zeitlichem Abstand: Vergleichbar langsam wie die Sparzinsen nach der letzten Leitzinssenkung gefallen sind, dürften sie nach dem Ausstieg aus der Nullzins-Politik wieder steigen – abhängig natürlich von der Geschwindigkeit der kommenden Zinsschritte.

Europäische Banken verändern den deutschen Tagesgeldmarkt

Neben den Leitzinsen gibt es noch eine zweite Entwicklung, die die Sparzinsen bereits zu Gunsten der Anleger verändert hat – die Internationalisierung des Marktes der klassischen Anlagekonten. Trotz gemeinsamer Geldpolitik unterscheiden sich die Zinsen und Produktmodelle beim Tagesgeld auch zwischen den Ländern der Eurozone teils merklich. Über verschiedene Online-Plattformen können sich Sparer diese Unterschiede jetzt zu Nutze machen. Wo sie sich früher durch umständliche fremdsprachige Formulare wühlen mussten oder bei der Steuer weitgehend allein gelassen wurden, übernimmt heute das jeweilige Online-Portal den Aufwand.

Die Produktmodelle unterscheiden sich vor allem bei der Zinsgarantie: Während die Banken hierzulande die besten Zinsen häufig nur für einen bestimmten Garantiezeitraum an ihre Neukunden zahlen, arbeiten die Banken im europäischen Ausland eher mit variablen Zinsen, was auch der ursprünglichen Idee eines Tagesgeldkontos entspricht. Dabei unterscheiden sie nicht zwischen Neu- und Bestandskunden. Solche Angebote werden auf dem deutschen Markt für Spareinlagen künftig immer wichtiger werden. Da sich die deutschen Banken damit zunehmend neuer Konkurrenz ausgesetzt sehen, dürfte die Entwicklung auch an ihnen nicht spurlos vorübergehen. Es ist gut möglich, dass einige von ihnen in Zukunft ihre Tagesgeldmodelle anpassen werden.

Eine vergleichbare Entwicklung hat es in Deutschland schon einmal gegeben. Anfang der 2000-er Jahre waren es die neu gegründeten Online-Banken, die mit ihren außergewöhnlich hohen Zinsen den Tagesgeldmarkt in der Republik aufgemischt haben. In der Folge haben auch einige Filialbanken nachgezogen und das Tagesgeld konnte überhaupt erst den Stellenwert bekommen, den es heute noch für die Ersparnisse der Bundesbürger hat. Wiederholt sich die Entwicklung in ähnlicher Weise, dann stehen den deutschen Sparern bald wieder bessere Zeiten bevor.

Über den Autor:

Rainer Gerhard ist Geschäftsführer des Bereichs Karten und Konten beim Vergleichsportal CHECK24. Damit Kunden Tages- und Festgelder mit möglichst attraktiven Zinsen vergleichen und abschließen können, steht er in ständigem Austausch mit zahlreichen deutschen wie europäischen Banken.



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