5. April 2007
BILD immer geschockter
Oliver Santen, früherer Allianz-Pressesprecher und heutiger Renten-Schock-Experte der BILD-Zeitung, erschüttert kurz vor Ostern wieder die Nation. Die Schockschlagzeile lautet:
Alarm-Studie!
Renten-Lücke im Alter immer größer
Im weiteren Verlauf erklärt Schocker-Olli dann “die wichtigsten Ergebnisse der Schock-Studie (2010 Befragte)”, die im Auftrag der US-Fondsgesellschaft Fidelity erstellt wurde.
Eine Aussage, dass die Rentenlücke im Alter immer größer wird, hat möglicherweise nur Oliver Santen gefunden. In der Pressemitteilung von Fidelity heißt es jedenfalls (Hervorhebung von mir):
Mit dem Fidelity REAL-Index liegt erstmals eine Kennzahl vor, die den Stand der Altersversorgung in Deutschland umfassend und objektiv abbildet.
Die Erhebung wurde also offenbar das erste Mal gemacht, so dass mangels Basisszahlen eine Aussage wie “größer” gar nicht abgeleitet werden kann.
Den eigentlichen Schocker umsegelt Oliver Santen dann lieber. Auszug Fidelity-PM:
Die Studie ergab, dass bereits 94 Prozent der erwerbstätigen Bundesbürger zusätzlich privat und / oder betrieblich vorsorgen.
94 Prozent, also fast alle erwerbstätigen Bundesbürger. Die BILD macht daraus “viele”. Aber wie kann es sein, dass trotz so weit verbreiteter Privat-Vorsorge die spätere Versorgung so schlecht ist?
Fonds-Anbieter Fidelity hat dazu, natürlich im eigenen Interesse, was geschrieben (Hervorhebung von mir):
Die Mehrzahl der Deutschen setzt bei der Altersvorsorge in erster Linie auf sicherheitsorientierte Produkte: 52 Prozent nutzen eine klassische Kapitallebensversicherung, 47 Prozent ein Sparbuch, 43 Prozent einen Bausparvertrag für die Altersabsicherung. Stärker renditeorientierte Produkte wie zum Beispiel Investmentfonds nutzen lediglich 19 Prozent der Berufstätigen.
Die Hauptursache für die schlechte Versorgungssituation sieht Klaus Mössle (ein Fidelity-Geschäftsführer, AK) darin, dass noch immer viele Haushalte in Deutschland zu einseitig und zu wenig renditeorientiert sparen. Laut Mössle kommt es für einen guten Versorgungszustand im Alter daher nicht nur darauf an, dass zusätzlich vorgesorgt wird, sondern wie effizient dies geschieht. Bei Menschen, denen der Fidelity REAL-Index einen guten Versorgungszustand bescheinigte, fiel auf, dass diese insbesondere auch stärker renditeorientierte Produkte nutzen.
Die “Hauptursache” (Fidelity) bleibt bei den “wichtigsten Ergebnissen” (BILD) gänzlich unerwähnt. Aber vieleicht ist selbst für Oliver Santen das Studien-Ergebnis zu schockierend, dass Millionen Bundesbürger mit Lebensversicherungen und Sparbüchern einfach falsch fürs Alter sparen. Die deutsche Versicherungswirtschaft wäre über eine solche Aussage ganz bestimmt schockiert.
Große Buchstaben, große Lücken:

Von: Andreas Kunze | Kategorie: 07 - Redaktion Rente |
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Kommentare
Kommentar von Justus am 6.4.2007 um 13:03
” … schockierend, dass Millionen Bundesbürger mit Lebensversicherungen und Sparbüchern einfach falsch fürs Alter sparen …”
Ich fände es schockierend, wenn eine Vielzahl der z.B. mit Sparbuch sicherheitsorientiert sparende Bundesbürger nicht wüßten, dass bei bei einem normalen Sparbuch mit dreimonatiger Kündigungsfrist derzeit noch immer nur 0,5 % Zinsen gezahlt werden (z.B. DB und COMBA), während dort gleichzeitig bei (revolvierender) Festlegung (6 oder 12 Monate) von (Teil)- Beträgen des Sparbuches ab/oberhalb von 5.000,00 EUR immerhin Sparbuch-Zinsen von rd. 3 % p.a. und mehr zu erzielen wären …
Kommentar von Andreas Kunze am 6.4.2007 um 15:28
@Justus: Die schockierende Wahrheit dürfte sein, dass Millionen Bundesbürger es tatsächlich nicht wissen.
Kommentar von Aktuar am 7.4.2007 um 21:00
Wie wäre es mal mit dem Begriff RISIKO als Gegenbegriff zur RenditeCHANCE. There is no free lunch…
Die meisten Bürger dürften 1999 und 2000 ihre Erfahrungen mit Renditechancen und -risiken gemacht haben.
Kommentar von Andreas Kunze am 8.4.2007 um 10:50
@Aktuar: Das stimmt natürlich. Unter anderem den Kunden der Mannheimer Lebensversicherung ist das Risiko von Aktieninvestmentments deutlich vor Augen geführt worden,
Kommentar von Aktuar am 8.4.2007 um 11:32
@Andreas Kunze: Die Mannheimer-Kunden haben Dank Sicherungseinrichtung keinen einzigen Euro verloren und bekommen mittlerweile sogar wieder eine Überschussbeteiligung. Wer dagegen – wie viele – 1999 und 2000 massiv Geld aus sicheren Anlagen in Aktien (häufig am neuen Markt mit ihren angeblich tollen Renditechancen) investiert hat, ist bis heute im Minus. Gemessen an dem Zins für sicherer Anleihen sogar gewaltig im Minus.
Das gerade heute wieder für Aktien getrommelt wird, obwohl diese nun fast dreimal so teuer sind wie Mitte 2003, zeigt die gleiche Schizophrenie wie 1998 / 1999. Je teurer Aktien geworden sind, desto mehr wird so getan – hier von fidelity – als geht eine Aufwärtsentwicklung ewig weiter. Nur glauben die Leute das heute nicht mehr.
Kommentar von Andreas Kunze am 8.4.2007 um 12:15
@Aktuar: Ich habe noch nie für Aktien getrommelt, ganz im Gegenteil. Den Hype 1999/ 2000 fand ich genauso unsäglich wie einige Übertreibungen derzeit (wobei m.E. der Aktienmarkt derzeit noch nicht so überreizt ist wie damals, da die Unternehmen vergleichsweise viel Geld verdienen und die KGVs vergleichsweise noch gering sind).
Allerdings glaube ich, dass LANGFRISTIGES Investmentsparen in breit gestreute Aktienfonds mit geringen Verwaltungskosten die beste, weil ertragreichste Altersvorsorge ist.
Kommentar von Aktuar am 9.4.2007 um 13:45
Es geht aber nicht nur um Ertragspotentiale, sondern auch um Sicherheit.
Aktienkurse steigen übrigens nicht, weil “Unternehmen vergleichsweise viel Geld verdienen und die KGVs vergleichsweise noch gering sind”, dies wird in den aktuellen Kursen bereits reflektiert. Kurse steigen, wenn Gewinne stärker steigen als erwartet!
Kurse fallen dagegen, wenn Gewinne weniger stark steigen als erwartet oder sogar fallen. Die Wahrscheinlichkeit für letzteres steigt derzeit eben weil Unternehmen gerade ziemlich gut verdienen. Bereits ein zunehmender Preiswettbewerb oder ein kleiner Rückschlag der derzeit zufriedenstellenden Konjunktur kann dazu führen.
Kommentar von Daisy am 10.4.2007 um 18:36
Ein bisschen gewagt finde ich auch, dass Fidelity die Rentenlücke auf 44 Prozent beziffert, weil die Deutschen im Alter nur 56 Prozent ihres Bruttoeinkommens zur Verfügung hätten. Denn immerhin fallen dann deutlich weniger Steuern und Sozialabgaben an – 100 Prozent des früheren Bruttoeinkommens zur Verfügung zu haben, dürfte daher für die meisten Rentner einen netten Luxus darstellen, aber keine Notwendigkeit. Die aktuelle gesetzliche Rente beträgt weniger als 50 Prozent des Bruttoeinkommens (entspricht knapp 70 Prozent des Nettogehalts), bei Rentnern, die weniger als 45 Jahre eingezahlt haben, sogar noch weniger – trotzdem können manche offensichtlich davon leben.
Kommentar von Andreas Kunze am 10.4.2007 um 18:43
@Daisy: Stimmt, mit diesem Brutto-Trick werden die Leute zusätzlich verunsichert. Dass wegen der Steuerprogression die Steuer bei sinkendem Einkommen überproportional sinkt, wird natürlich nicht dazugesagt.
Kommentar von Daisy am 10.4.2007 um 18:48
… und auch diverse Sozialabgaben (zum Beispiel die Beiträge für die gesetzliche Rentenkasse!) sowie die Investitionen in private Altersvorsorge, den Eigenanteil von Betriebsrenten etc., die im Bruttoeinkommen der Berufstätigen enthalten sind, entfallen ja im Alter – und mindern damit den Finanzbedarf.
Kommentar von Daisy am 10.4.2007 um 18:54
Kommt noch hinzu, dass die gesetzliche Rente bisher überwiegend steuerfrei ist. Zwar wird sie sukzessive steuerpflichtig (http://www.br-online.de/geld/ard-ratgeber/archiv/2005/0109_2.htm), aber erst für diejenigen, die ab 2040 in Rente gehen, zu 100 Prozent. Parallel werden die Steuern in der Einzahlphase reduziert. Die dadurch gesparten Steuern sollen zusätzlich in private Altersvorsorge investiert werden – aber dieser Effekt macht sich in der Fidelity-Studie natürlich nicht bemerkbar, weil noch gar nicht aktuell.
Kommentar von Andreas Kunze am 10.4.2007 um 19:24
@Daisy: Hey, da bringst Du mich auf ein schönes Thema. Der Brutto-Bluff bei der Versorgungslücke.
Kommentar von prüfer am 11.4.2007 um 16:20
In der “Beratungspraxis” mancher Versicherungsvertreter führt das zu dem lustigen Effekt, das der Versorgungsbedarf (netto) als Rentner höher wird als aktuell (die Kinder sollen doch sicher mal studieren / Weltreise / das teure Seniorenwohnheim / . . .). Ich frage mich wirklich, wo der durchschnittlich (also schlecht) informierte Verbraucher sich überhaupt noch beraten lassen soll. Was halten Sie eigentlich von der neuen Bank des (Ex) Consors – Schmidt?



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