27. August 2006
“Rheinischer Merkur”, AWD und die Zweit-Rente
Der “Rheinische Merkur” ist eine Zeitung für die gehobene Kundschaft, bei der konservative Wert noch was zählen.
Da wird noch knallhart recherchiert, und da werden nur die besten Experten zitiert.
Etwa in der Top-Story “Die Zweit-Rente vom Chef – Profitabel für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber” von Autor Stefan Terliesner.
Terliesner hat sich an ein Service-Thema herangewagt, das seit fünf Jahren, seit der Reform der Betriebsrente immer wieder Fragen aufwirft. Okay, das Thema ist vielleicht nicht ganz neu, aber dafür lässt Autor Stefan Terliesner mal Menschen zu Wort kommen, die sonst viel zu oft überhört werden. Echte Finanzexperten eben, und zwar von den renommierten Finanzvertrieben MLP und AWD. Der Mann vom Finanzoptimierer aus Hannover hilft den Lesern mit folgender Erkenntnis weiter:
Dem Wunsch des Arbeitnehmers nach Entgeltumwandlung muss der Arbeitgeber in einem bestimmten Umfang nachkommen“, erklärt Hans-Dieter Salmen, Altersvorsorgeexperte beim Finanzdienstleister AWD, „nämlich bis zu vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze, in diesem Jahr sind das bis zu 2520 Euro. Die Beiträge sind steuerfrei und auch – zumindest bis Ende 2008 – sozialabgabenfrei.“ Daher sein Tipp: „Arbeitnehmer, die noch keine betriebliche Altersversorgung besitzen, sollten ihren Chef auf ihre Rechte hinweisen.“
Endlich mal was Neues. Endlich mal einer, der Klartext spricht. Danke AWD, danke Stefan Terliesner. Von diesem Autor würde ich gerne mehr lesen. Natürlich habe ich sofort mal nachgeguckt, was der Mann sonst so macht.
Ach was, es gibt einen Stefan Terliesner bei der PR-Agentur Brunomedia? Da steht über ihn:
Stefan Terliesner ist Projektleiter. Der Diplom-Volkswirt war Redakteur beim Magazin Capital und davor mehr als vier Jahre Finanzredakteur bei der Börsen-Zeitung. Zu seinen Schwerpunktthemen gehören unter anderem die Bereiche Börse, Altersversorgung und Energiewirtschaft.
Ach was, arbeitet denn Brunomedia denn nicht auch für den AWD? Hmmmh, da steht jedenfalls:
Seit vier Jahren produziert BrunoMedia den “AWD Finanzplaner”. Der Finanzdienstleister AWD informiert mit diesem Magazin seine Kunden über die Themen Altersvorsorge, Geldanlage, Steuern und Versicherungen. Die Auflage beträgt rund 150.000 Exemplare und wird auch am Kiosk verkauft.
Ja wie? Ein PR-Agentur-Projektleiter schreibt über seinen Kunden im Rheinischen Merkur? So ein Quatsch. Das sind ganz bestimmt zwei völlig verschiedene Stefan Terliesner, es gibt vermutlich sozusagen einen Zweit-Terliesner für die Zweit-Rente.
Der ehrenwerte “Rheinische Merkur” würde das ansonsten wohl kaum veröffentlichen, auch wenn bei Indiskretion Ehrensache schon mal über einen komischen Beitrag eines anderen PR-Agentur-Mitarbeiters im “Rheinischen Merkur” berichtet wird.
Nachtrag:
Da mir Hans-Dieter Salmen (laut “Rheinischer Merkur”/ Stefan Terliesner der “Altersvorsorgeexperte beim Finanzdienstleister AWD“) bislang kein Begriff war, habe ich nach seinem Namen gegoogelt. Als Journalist ist man ja immer froh, wenn man Experten kennt. Also es gibt einen Hans-Dieter Salmen beim AWD – laut diesem Dokument (Media-Daten AWD-Finanzplaner)zuständig für die Anzeigenplanung des AWD. Aber vielleicht gibt es ja auch einen zweiten Hans-Dieter Salmen.
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Von: Andreas Kunze | Kategorie: 07 - Redaktion Rente |
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Kommentare
Kommentar von Jochen am 28.8.2006 um 12:57
Aus solchen Gründen bin ich bei einseitigen Meinungen in Zeitungen sehr vorsichtig. Zumindest aktuell ist deswegen die FTD die Zeitung meiner Wahl, da man keine Meinung (außer der, daß man nicht viel von Kommunismus hält) verbreitet, sondern zumindest auf den ersten Blick ausgewogene Informationen verbreitet (z.B. wird bei jedem Beitrag, bei dem über Bertelsmann oder eine Tochter des Konzerns berichtet wird, darüber aufgeklärt, daß Bertelsmann an der FTD beteiligt ist).
Weiterhin sind gerade bei Zeitungsartikeln, die eine Gut-Schlecht-Abwägung vornehmen, wichtig zu beachten wer als Spezialist einen Kommentar gibt. Wenn es nicht bekannte Gesichter sind, muß man eigentlich immer erst untersuchen, wer der Kommenator genau ist oder was er macht. Langfristig gehe ich aber davon aus, daß die Vermischung von PR und Presse mehr Leser verschrecken wird. Man sägt ja praktisch am eigenen Ast.
Achja, bin nicht wirtschaftlich oder anderweitig von der FTD abhängig und arbeite auch nicht in einer Agentur. ;)
Kommentar von Otis B. Driftwood am 28.8.2006 um 14:52
Der Rheinische Merkur scheint auch in Beziehung zur DVAG zu stehen, deren Haupthahn, eine Herr Pohl, darf auch zum redaktionellen Teil des Blatts beitragen.
Schon sonderbar, das Blatt gehört der katholischen Kirche und gibt allerhand Strukis Raum, die ja bekanntlich ihre Geschäfte sektenähnlich betreiben,
oder etwas biblischer, es scheint die heilige Mutter Kirche nicht zu stören, dass sie sich mit denen gemein macht, die den Götzen Mammon verehren und ansonsten rechte Antichristen sind.
Wers nicht glaubt: http://www. merkur.de/Finanzen.444.0.html
Kommentar von Andreas Kunze am 28.8.2006 um 14:56
@Otis: Ich finde, Kirche und Strukturvertriebe sind kein Widerspruch.
Kommentar von marcc am 29.8.2006 um 17:06
Und ich mache mir da Gedanken über meine Objektivität, wenn ich für den Lokalteil als Sozi über eine CDU-Veranstaltung schreibe.



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