19. April 2006
Liest BILD den Finblog?
Der Frust bei BILD sitzt offenbar tief, dass die Strafanzeige gegen oder wegen “Renten-Lügen” so schnell von der Staatsanwalt Berlin abgefertigt wurde.
Nach der ersten Empörung gestern heute nun die Nachdrehe mit der Schlagzeile:
“Müssen wir uns wirklich so belügen lassen?”
Wer flüchtig liest, könnte natürlich spontan antworten:
“Nein, das Blatt muss ja niemand kaufen!”
Bei genauerem Lesen ist jedoch erkennbar, dass es sich weiterhin um die “Renten-Lügen” von anderen handeln soll. Dabei sind teilweise erste Fortschritte in der Berichterstattung zu erkennen. Ich habe sogar den Eindruck: BILD liest den Finblog.
Gestern hatte ich hier geschrieben, dass die Staatsanwaltschaft Berlin lediglich zutreffend das Versicherungsprinzip erläutert hat (worüber BILD sich sehr aufregte). Wörtlich schrieb ich:
Damit ist das Versicherungsprinzip beschrieben. Der einzelne hat keinen Anspruch darauf, jeweils seine Beiträge zurück zu erhalten. Das ist bei einer privaten Rentenversicherung übrigens ganz genau so: Der eine zahlt 100.000 Euro ein, kriegt drei Monate lang eine Rente von 1000 Euro und ist tot. Der andere zahlt 100.000 Euro ein, kriegt 30 Jahre lang 1000 Euro Monatsrente und macht bis zu seinem Tod ein tolles Geschäft.
Heute entdeckt sogar BILD das Versicherungsprinzip! Auszug BILD:
Donnerwettter! Man muss der BILD nur Zeit lassen.
Mit Spannung erwarte ich nun, mit welchem absurden Vokabular aus dem Strafgesetzbuch die Kampagne, der BILDblog hält es für ein Verkaufskampagne, fortgesetzt wird.
Untreue, Betrug und den sogar Raub hatten wir bereits. Unterschlagung auch? Ist natürlich etwas lang für eine Schlagzeile.
Mein Vorschlag:
Renten-Terror geht weiter!
Milliarden Beiträge entführt und vergewaltigt –
und die Bande lacht uns alle aus
Von: Andreas Kunze | Kategorie: 01 - Allgemein |
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Kommentare
Kommentar von Aktuar am 20.4.2006 um 6:55
Etwas arrogant davon auszugehen, dass nur Finblog bisher das Versicherungsprinzip entdeckt hat. Ähnlichkeiten in der Formulierung gibt es keine. Außerdem ist Alexander Gunkel kein Bild-Mitarbeiter!
Übrigens gibt es bei privaten Renten Mindestauszahlzeiten, d.h. Garantiezeiten, in denen die Rente im Zweifel an die Hinterbliebenen weitergezahlt wird…
Kommentar von Andreas Kunze am 20.4.2006 um 8:15
@Aktuar: Diese Garantiezeiten gibt es nicht automatisch, sondern müssen zusätzlich vereinbart sein und kosten extra. Letzlich handelt es sich um eine eigenständige Versicherung, die auf den eigentlichen Rentenvertrag draufgesattelt wird. Bei der privaten Rürup-Rente ist das ausdrücklich von der Förderung ausgenommen.
Kommentar von Jean M. am 20.4.2006 um 10:11
“Arrogant” …. nun ja … ich denke auch eher, daß die BILD-Redaktion alle möglichen Blogs liest (ohne dies natürlich öffentlich zuzugeben… *g*), und – mit natürlich einiger Verspätung – dann auch irgendwann merkt, daß doch etwas zu viel Blödsinn ins geduldige Papier bzw. in den Online-Content gehämmert wurde.
Da das Thema aber so eng begrenzt ist (und seitens Europas größter Tageszeitung mit jeder erdenklichen Menge Kuhmist gefüllt wurde), ist es nicht verwunderlich, daß am Tag nach einer mißglückten (jaja – ehrlich, es war nur ein kleines Mißgeschick) Schlagzeile ein Zurückrudern stattfindet, welches bereits am Vortag in diversen Blogs vorhergesagt wurde. Und mindestens Bb ist GARANTIERT auf der Liste der “muß jeden Tag gelesen werden” im Hause Springer. Sollte es Herr Kunze auch schaffen, dorthin aufgenommen zu werden, spricht das nur für die Qualität seiner Berichte.
Pingback von FINBLOG.de – Aktuelle Notizen des Finanzjournalisten Andreas Kunze » Blog Archive am 20.4.2006 um 12:49
[...] 06 “Großartige Chancen” Die BILD macht wirklich jede Satire mit. Gestern fragte ich, welches Vokabular aus dem Strafgesetzbuch das Blatt das wohl noch fü [...]
Kommentar von Aktuar am 20.4.2006 um 21:00
Herr Kunze, Sie wissen viel, aber nicht alles. Rentengarantiezeiten sind immer automatisch dabei (idR 5 Jahre). Die kosten auch keinen Extra-Beitrag. Eine Rentengarantiezeit bedeutet nur, dass ein Teil des Deckungskapitals nicht in den Risikoausgleich geht, sondern als Auszahlplan fix kaluliert wird. Da wird kein extra Risikobeitrag erhoben. Das ist Quatsch mir Soße.
Kommentar von Gisbert Sachs am 20.4.2006 um 21:10
Ob die Vermutung eines Kausalzusammenhangs nun arrogant oder naiv ist – es ist wohl davon auszugehen, dass die Bild nicht nur das Versicherungsprinzip, sondern auch das Provisionsprinzip sehr wohl verstanden hat. Dazu brauchte es kaum den ehemaligen Allianz-Presseflüsterer… die Volksrente ist bei der Allianz Vorstandssache.
Bei den Bild-Lesern handelt es sich um die Deppen, nicht bei den Machern – das ist m.E. gerade das Gefährliche.
Kommentar von Aktuar am 20.4.2006 um 21:33
Was soll denn daran gefährlich sein. Gefährlich war das Gerede ” die Rente ist sischer”. Das die Leute jetzt aufwachen, war höchste Zeit. Welche Höhe die gesetzliche Rente in 30 Jahren hat, bestimmen die Wähler und die Wirtschaftskraft in 30 Jahren. Da sollte man nicht die Märchen von gestern glauben. Die von Bild geschürte Unsicherheit ist nach dem Gesundbeten von Blüm höchst heilsam, weil es die früher vorgegaukelte “Sischerheit” nicht geben kann.
Kommentar von Andreas Kunze am 21.4.2006 um 9:18
@Aktuar zum 1.
Wenn ein Teil des Deckungskapitals nicht in den Risikoausgleich geht, bedeutet das, dass die Rente geringer ausfällt. Um die gleiche Rente zu erhalten, die sich ohne Rentengarantiezeit ergeben würde, wäre ein höheres Deckungskapital notwendig. Um das zu erreichen wäre wiederum eine höhere Prämie notwendig – was man im Volksmund als Mehrkosten bezeichnen würde.
@Aktuar zum 2. Malaria heilt man nicht mit Cholera.
Kommentar von Gisbert Sachs am 21.4.2006 um 13:41
@7 – Aufklärung zum Thema Rente und Generationenvertrag ist richtig und erwünscht – da stimme ich zu. Und wenn die Bild-Redaktion sich noch ein paar Euro an Allianz-Provisionen reinzieht – auch das ist mir egal. Aber mir ist unwohl zumute wenn ich sehe, wie ein Boulevardblatt wie die Bild (dürfen die sich eigentlich “Zeitung” nennen?) Meinung und Stimmung machen kann.
Demokratie ist dann bei uns, was für die Mehrheiten Rentner und Vollpfosten als wählbar verkauft werden kann. Na, Mahlzeit.
Kommentar von flohbot am 21.4.2006 um 18:11
@aktuar
Was Sie und die BILD mit “aufwachen” meinen,
ist das Umlageverfahren schlecht zu reden.
Verständlich, denn Privatrente per Gesetz ist
für die Finanzdienstleister wie ein Sechser
im Lotto. Und selbstverständlich genauso sicher
bzw. unsicher wie die gesetzliche Rente. Nur das bei dieser eben nicht noch ein paar tausend Aktionäre “Gewinn” einstreichen wollen.
Kommentar von Aktuar am 22.4.2006 um 1:03
@ 8: Was für unlogische Pirouetten, nur um nicht zugeben zu müssen, Unrecht gehabt zu haben.
@ 10: Schwierigkeiten, andere Meinungen zu akzeptieren? Muss es denn immer gleich Diffamierung sein ?
@ 11: Back to socialism ?
Kommentar von Frager am 22.4.2006 um 8:24
@aktuar 12, 10: Das war doch keine Diffamierung, nur eine Frage. Aber wie lautet denn nun die Antwort?
Kommentar von Aktuar am 22.4.2006 um 10:30
@Frager: Selber denken macht schlau.
Kommentar von Max am 22.4.2006 um 12:35
@ aktuar:
Woher kommen denn die Renditen für die private Rentenversicherung? Aus dem Sozialprodukt der arbeitenden Bevölkerung. Die private Rentenversicherung kann nur solange überhaupt besser sein als die gesetzliche, solange Leute im Ausland bereit sind, für unsere Rente zu arbeiten.
Die Haltung, privatisieren ist immer gut (Bahn, Müllabfuhr, Uni etc.) halte ich für falsch. Das hat aber mit Sozialismus nichts zu tun.
Kommentar von Aktuar am 22.4.2006 um 12:47
@ Max: Wer sagt denn, dass die private RV besser ist. Es gilt lediglich, dass der Misch aus Kapitaldeckung und Umlagefinanzierung das Gesamtsystem sicherer macht als die reine Umlagefinanzierung, die spätestens in 20 Jahren vor ganz großen Problemen stehen wird.
Wer das Gewinnprinzip kritisiert, muss doch wohl Anhänger sozialistischer Systeme sein (in denen keine Aktionäre auf niedrige Kosten achten, sondern sich Bürokraten die Taschen voll stopfen).
Kommentar von Komet am 22.4.2006 um 19:09
@ 14: DA liegt das generelle Problem breiter Teile der Bildleserschaft…
Kommentar von Katsugo am 23.4.2006 um 17:39
@ 9: Zitat: “(dürfen die sich eigentlich “Zeitung” nennen?)”
Nein, und das ist auch gut so!
Kommentar von John am 23.4.2006 um 18:46
naja, BILD wird die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands bleiben auch in 92 Jahren.
Kommentar von kai am 24.4.2006 um 1:13
Malaria heilt man nich mit Cholera….
Das ist genial. :-D
Gute Nacht Herr Kunze
Kommentar von Peti am 24.4.2006 um 15:34
@ John
Hoffen wir mal, dass es BILD in 92 Jahren nicht mehr gibt! Ich denke, irgendwann wird es BILD schaffen, dermaßen mit dem Grundgesetz in Konflikt zu kommen, dass BILD verboten wird! Das Beste, was Deutschland passieren könnte!
Kommentar von mike am 25.4.2006 um 12:49
@21
Naja, auf Bb ist ja schön die Auflagenentwicklung zu verfolgen, und die geht seit jahren in nur eine Richtung, nach unten. Und das ist auch gut so!
Als ich die Schlagzeile mit der Rentelüge las, drängte sich mir spontan eine weitere Frage auf: Warum zeigt Bild sich dann nicht direkt selbst bei der Staatsanwaltschaft an, die verbreiten auch wissentlich und willentlich Lügen und Falschaussagen.
Kommentar von Justin am 26.4.2006 um 13:00
@Peti 21
gehen Sie wirklich davon aus das die Bild soweit gehen wird und sich selbst verbieten lassen wird? Ich glaube kaum, da die Bild ein so oft angezweifeltes und oft umstrittenes “Boulevard-Blatt” ist, das die Rechtsabteilung doch sehr genau prüfen wird, wie weit man gehen kann, ohne mit unabsehbaren Folgen zu rechnen. Ich bin sehr wohl davon überzeugt, dass die “Bild” wenn sie verklagt oder auch nur kritisiert wurde schon im Vorfeld damit gerechnet hatte und genau abgewogen wurde, ob es das Wert ist.
Kommentar von T. Hahn am 4.5.2006 um 23:04
@ 23:
Genau das ist das Prinzip der Boulevardpresse bei der Auswahl von Artikeln:
zu erwartende Mehreinnahmen / Mehrauflage abzüglich möglicher Prozeßkosten
Kommt unter dem Strich ein positiver Betrag heraus, wird’s gedruckt…



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