1. Februar 2006
Für die Freiheit
Meinungs- und Pressefreiheit contra Respekt vor religiösen Gefühlen.
Im Zweifel ist mir die Freiheit wichtiger. Deshalb sage ich Bravo zu dem Blog-Kommentar von Silvana Koch-Mehrin (so ist sie das denn selber verfasst hat).
Die Haltung von Spiegel Online zu (Protest-)Veröffentlichungen von Mohammed-Karrikaturen indes spricht von journalistischem Verantwortungsbewusstsein;
http://www.spiegel.de/netzwelt/politik/0,1518,398567,00.html
SPIEGEL ONLINE hat bisher darauf verzichtet, die umstrittenen Karikaturen zu zeigen. Darüber sind die Leser geteilter Ansicht. Doch angesichts des Entführungsfalls im Irak und der Todesdrohung gegen die beiden deutschen Techniker will die Redaktion nichts unternehmen, was die Situation für die Geiseln verschlimmern könnte. Im Unterschied zu den deutschen und französischen Tageszeitungen, die die Karikaturen heute abdruckten, sind die Veröffentlichungen von SPIEGEL ONLINE auch im Irak unmittelbar zugänglich – mit unter Umständen dramatischen Konsequenzen für die festgehaltenen Deutschen.
SPIEGEL ONLINE lässt m.E. keinen Zweifel daran, dass die Redaktion die Karrikaturen ebenfalls zeigen würde, wären nicht deutsche Geiseln im Irak gerade in größter Gefahr. Dieser Haltung schließe ich mich an.
Von: Andreas Kunze | Kategorie: 01 - Allgemein |
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Kommentare
Kommentar von Paul am 1.2.2006 um 22:14
Im Grunde läßt sich Spiegel erpressen. Wenn man aus Angst oder “Verantwortung” bestimmte Dinge nicht mehr äußert, was sind dann Meinungs- und Pressefreiheit noch wert? Wie ich es auch bei mir geschrieben habe: Die Freiheit geschmacklose Witze zu machen sichert auch die Freiheit z.B. über Korruption zu berichten. Inwieweit der Großteil der islamische Welt diesen Zusammenhang begriffen hat kann man an den dortigen “freiheitlich-demokratischen” Strukturen sehen.
Ebenfalls Bravo an Silvana Koch-Mehrin. Ob der Spiegel mit seiner Position irgendetwas verhindern kann bezweifle ich, denn die Welt hat schon längst alle Zeichungen veröffentlicht.
Kommentar von Andreas Kunze am 1.2.2006 um 22:45
@Paul: Ja, die “Welt” hat eine Zeichnung veröffentlicht, die natürlich ebenfalls online weltweit zu sehen ist. Dennoch kann ich die Haltung von “Spiegel Online” nachvollziehen und finde sie richtig. Selbst wenn das Schicksal der deutschen Geiseln weder so noch so beeinflusst wird, so hat SpOn doch eins gezeigt: Sie haben sich Gedanken darüber gemacht, was eine Veröffentlichung auslösen könnte.
Journalisten dürfen sich nicht erpressen lassen; sie sollten für die Pressefreiheit jederzeit eintreten – andererseits sollten sie m.E. aber nicht für Effekthascherei eine Eskalation in Kauf nehmen. Das hat der Spiegel hingekriegt: Er hat einerseits eine Position deutlich gemacht, andererseits hat er darauf verzichtet, Öl ins Feuer zu gießen.
Kommentar von Stefan am 1.2.2006 um 23:38
die schreibt das tatsächlich selbst. kein parteisoldat würde sich so dämlich parteischädigend verhalten, wie die es hin und wieder tut
Kommentar von Denis am 2.2.2006 um 0:29
Es gibt kein anderes Gut der westlichen Welt das wertvoller ist als die Freiheit.
Die FTD hat im lezten Jahr über den Besuch einer iranischen Delegation bei der EU in Brüssel oder Straßburg berichtet. Damals wurde u.a. hochrangigen EU-PolitikerInnen der Handschlag verweigert.
Kommentar von AlexM am 2.2.2006 um 11:31
@Paul: Man sollte nicht einfach blind auf alle seine Rechte pochen. Es gehört auch zur Verantwortung eines jeden, sich die Vor- und Nachteile der Geltendmachung seiner Rechte zu überlegen. In diesem Falle steht für SpOn das Informationsbedürfnis der Leser nach dem Aussehen der Karikatur, die eigene Erpressbarkeit und damit auch die eigene Reputation gegen den Tod deutscher Geiseln (mit gewissen Wahrscheinlichkeiten). Mag sich jeder selbst überlegen, was man höher wichtet. Ich jedenfalls finde die Entscheidung richtig.
Kommentar von Sencer am 2.2.2006 um 11:46
Es gibt aus gutem Grund die StVo, sie rettet vermutlich jeden Tag viele Leben und ist unabdingbar für unser zusammenleben. Daher fahre ich auch immer mit Vollgas wenn ich weiß dass ich Vorfahrt habe. Es ist nämlich wichtig klarzustellen, dass die welche sich irrtümlich einfach das Vorfahrtsrecht “nehmen”, einen Fehler begehen der langfristig uns alle gefähdet. In dem ich also Vollgas fahre, stelle ich sicher, das die anderen nicht davon kommen können, wenn sie mich schneiden wollen. Und ich weiß dass _ich_ später das wohlige Gefühl haben werde im Recht gewesn zu sein, wenn wir beide auf der Intensivstation unseren letzten Atemzug aushauchen…
Kommentar von Andreas Kunze am 2.2.2006 um 12:04
@Sencer: Ein sehr schöner, pointierter Kommentar. Allerdings könnte gerade die Straßenverkehrsordnung in diesem Beispiel weniger geeignet sein – denn noch bevor überhaupt einzelne Rechte und Pflichten geregelt werden, heißt es generell in § 1:
http://bundesrecht.juris.de/stvo/BJNR015650970BJNE000600314.html
Grundregeln
(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, daß kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
Kommentar von Sencer am 2.2.2006 um 13:57
Stimt, Adreas. Allerdings ist es relativ schwer nachzuweisen (und es gelingt in den meisten Fällen nicht), dass jemand wissentlich eine Situation ausnutzt und einen Unfall zu Stande kommen läßt. Aber dennoch halten wir uns nicht an der hinkenden Analogie auf, die Sache an sich ist spannender. Ich bin zwiegespalten. Ich finde, dass das ursprüngliche Abdrucken der Karikaturen – vor allem in dem Kontext des Original-Artikels (also Selbstzensur vs. Meinungsfreiheit) – in Ordnung war, und dass man damit eine wichtige Diskusion anstoßen kann. Andererseits muß man natürlich schon Rücksicht nehmen wie solche Sachen aufgenommen werden. Das Motiv der “Judensau” oder ein Fimplakat des “ewigen Juden”, oder Karikaturen welche Juden mit “geldgeilen, parasitenhaften” Charakterzügen zeigen würde, würde Befremdung auslösen und die Anzahl derer welche solche Veröffentlichungen feiern und nachdrucken würden, wäre gering. Das ZUsammnrücken von Bomben/Terrorismus und generell gewalttätigkeit und rücksichtslosigkeit mit dem Islam scheint im Gegenzug “normal” zu sein. Genauso normal wie vor einigen hundert Jahren eben die “Judensäue” waren, sodass sie sogar heute noch an vielen Kirchen als Skulpturen zu finden sind.
Auf der anderen Seite sind natürlch die Reaktionen die darauf passieren für mich ebenfalls unverständlich und auch zu einem Teil zu verurteilen (zu einem Teil deswegen, weil natürlich hier in den Medien nur die extremeren Formen der Reaktionen berichtet werden). Wie in der “Entschuldigung” der Jyllands-Posten und auch im (übrigens sehr guten) Wikipedia Artikel zu lesen ist:
http://en.wikipedia.org/wiki/Jyllands-Posten_Muhammad_cartoons#Rumours_and_misinformation
dürfte ein Teil der Reaktionen auch auf die Misinformationen und Lügen zurückzuführen sein.
Für mich am bezeihnendsten ist wie “extreme” und teilweise auch konservative – und zwar auf beiden Seiten – sehr stark darum bemüht sind “vollgas zu geben” und den Streit weiter eskalieren zu lassen und die Fronten zu verhärten. Hoffentlich gibt es genug bedachtere Menschen auf beiden Seiten, die genügend Fingerspitzengefühl haben und auf ihre Mitmenschen einwirken können, dass man sich der Sache objektiver und sachlicher annehmen kann.
Kommentar von Andreas Kunze am 3.2.2006 um 6:37
@Sencer: Da stimme ich Dir vollkommen zu. Es kommt jetzt darauf an, dass die Situation nicht weiter eskaliert. Das trotzige Pochen auf die Pressefreiheit um jeden Preis wäre gefährlich, für die Geiseln sogar lebensgefährlich. Einerseits ist m.E. notwendig, eine klare, unmissverständliche Position einzunehmen (pro Pressefreiheit), andererseits Provokationen zu vermeiden (durch weitere Nachdrucke). Deshalb hat mir Spiegel Online gut gefallen, weil er diese Gradwanderung für meinen Geschmack geschafft hat.
Kommentar von jeanstyp_mit_bart am 6.2.2006 um 16:17
Ihr habt beide Recht. Und das ist das Problem. Jyllands Posten hat bewusst Öl ins Feuer gegossen, und jetzt muss die Pressefreiheit zur Rechtfertigung herhalten. Ich hab mir da auch noch ein paar Gedanken zu gemacht: http://www.bilkinfo.de/nachrichten/mohammed-karikaturen.html
Ich stehe dazu, einige der Karikaturen zur Verdeutlichung dazugenommen zu haben. Die aktuelle Entwicklung macht mir sehr große Sorgen.



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